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Schritt für Schritt zur Normalität – mit Corona. Es gibt aber Berufe, in denen immer noch nicht gearbeitet werden darf: zum Beispiel Sexarbeiterinnen. Heute demonstrieren sie in Köln.

Warum bleiben in Deutschland Bordelle zu? Das fragen sich Sexarbeiterinnen und Bordell-Betreiber und gehen dafür in Köln auf die Straße. Denn in Belgien, Österreich oder den Niederlanden sind die Bordelle, mit weit weniger Vorschriften wieder offen. In Deutschland gibt’s richtig strenge Konzepte und trotzdem will die Politik nicht.

Die Politik soll akzeptieren, dass wir uns wie alle anderen auch an die Schutzregeln halten werden.

Stephanie Klee, Sexarbeiterin

Viele Sexarbeiterinnen fühlen sich ungerecht behandelt. Auch Stephanie Klee ist bei der Demo in Köln dabei. Sie sagt: auch wenn das viele nicht verstehen können, Sexarbeit während einer Pandemie – das geht!

Das war für mich am Anfang auch mit großen Fragezeichen versehen. Und dann haben wir uns hingesetzt, haben unsere unterschiedlichen Geschäftsmodelle angeschaut und haben ganz konsequent übertragen, was in anderen Branchen möglich ist.

Stephanie Klee, Sexarbeiterin

Hygienekonzept: Kein Küssen und Mund-Nasen-Schutz

Vorbild für die Hygienekonzepte sind zum Beispiel Massagestudios. Auch im Bordell soll auf bekannte Standards geachtet werden. Kunden bekommen einen Mund-Nasen-Schutz zur Verfügung gestellt und tragen ihre Kontaktdaten in eine Liste ein – für den Fall der Fälle, dass die Infektionskette vom Gesundheitsamt nachverfolgt werden muss, wenn eine Corona-Infektion in einem Bordell auftreten sollte.

Während der Kunde wartet oder der Sexarbeiterin aufs Zimmer folgt, gilt 1,50 Meter Abstand. Vor dem eigentlichen Akt muss der Kunde duschen, Hände desinfizieren, er bekommt ein sauberes Handtuch und ein sauberes Bettlaken.

Viele Sexarbeiterinnen aus einem Bordell in Speyer haben finanzielle Schwierigkeiten – wegen Corona (Foto: SWR)

Natürlich kann bei bestimmten sexuellen Dienstleistungen auch der Mund-Nasen-Schutz aufbehalten bleiben. Der Abstand von 1,50 Meter muss natürlich aufgegeben werden, aber das ist beim Friseur oder bei der Massage ebenfalls gegeben, da fühlen wir uns gleich behandelt.

Stephanie Klee, Sexarbeiterin

Sex mit Mund-Nasen-Schutz ist „lebensfremd“

Das sagte zumindest das Oberverwaltungsgericht Münster im Juni. Deshalb bleiben die Bordelle weiterhin zu. Für Stephanie Klee und ihre Kolleginnen ist das nicht nachvollziehbar.

Die Politik soll sich endlich mit den Realitäten in unserer Branche auseinandersetzen […] Natürlich stellt sich jeder die Sexualität wie sie zuhause ausgelebt wird auch in einem Bordell vor: dass es was über einen längeren Zeitraum ist, dass es auch ganz viel mit Enthusiasmus und Begeisterung zu tun hat – aber in den Bordellen gibt es doch noch mal ein paar Unterschiede.

Stephanie Klee, Sexarbeiterin

Die Realität sehe natürlich ganz anders aus: Weniger Nähe, oft nur eine Stellung und sehr kurz. Außerdem komme nur der Kunde zum Orgasmus. Und: Nicht immer geht es nur um Sex.

In den Bordellen gibt es unterschiedliche Abstufungen. Zum Beispiel gibt es Massagen mit einer Handentspannung. Da liegt der Kunde völlig entspannt und macht gar nix.

Stephanie Klee, Sexarbeiterin

Bordellbetreiber und Sexarbeiterinnen in großen Nöten

In Rheinland-Pfalz sollte am 10. Juni der Betrieb trotz Corona wieder gestartet werden, kurz vorher hat die Politik das doch wieder gekippt – zum Unverständnis der Betreiber und Sexarbeiterinnen.

Finanzielle Schwierigkeiten für Sexarbeiterinnen wegen Corona: Ein Bett in einem Bordell in Speyer (Foto: SWR)

Laura Weiß, Inhaberin des Bordells „Lauras Girls“ in Speyer, hat ihr Haus seit dem 18. März  geschlossen. Bedeutet für sie: laufende Kosten, aber kein Einkommen. Auch für die Frauen, die hier normalerweise arbeiten, wird die Situation kritisch, so Weiß:

Einige haben ihr Leben darauf aufgebaut. Mit jedem Tag, der länger geschlossen ist, wird die Lage schwieriger.

„Nachts im Dunkeln unter einer Bahnüberführung – das ist etwas, das Angst macht“

Viele Sexworkerinnen leben im Ausland. Hier dürfen sie teilweise ihren Beruf mit entsprechenden Hygienekonzepten ausüben – zum Beispiel in der Schweiz oder den Niederlanden. Andere haben hier finanzielle Unterstützung von Stammkunden bekommen. Christin arbeitet normalerweise als freiberufliche Sexworkerin. In ihrem privaten Umfeld weiß das niemand, deshalb möchte sie nicht erkannt werden. Noch kann sie sich finanziell über Wasser halten:

Auf der einen Seite von Rücklagen, auf der anderen Seite durch Überbrückungshilfe vom Bund. Das Problem ist: Der Kontostand sinkt stetig. Ich und meine Kolleginnen sind ja nicht alleine. Da werden ja teilweise ganze Familien von ernährt.

Ein weiteres Problem: Die Bordelle haben zwar zu. Sex für Geld gibt es aber trotzdem – illegal.

Nachts im Dunkeln auf der Straße, unter einer Bahnunterführung, illegal im Hotel. Das ist etwas, das Angst macht – nicht primär um mich, sondern um die Kolleginnen, teilweise auch Freundinnen.

Viele Sexarbeiterinnen haben wegen der Corona-Krise finazielle Schwierigkeiten (Foto: SWR)

Stammkunden melden sich trotzdem regelmäßig im Bordell

Weiß steht in engem Kontakt zu den Frauen, die normalerweise in ihrem Bordell arbeiten. Die aktuelle Situation ist für sie nicht leicht:

Mir sind die Hände gebunden. Ich kann nur trösten. Das tut mir immer furchtbar leid. Es sind Whatsapp Kontakte mit Smileys mit Tränen, Küsschen und Umarmungen. Aber wir können nix machen.

Noch emotionaler wird Weiß, wenn sie über ihre Stammkunden spricht. Die melden sich auch regelmäßig, erzählt sie – mit feuchten Augen:

Ich hab öfter Anrufe von Gästen, die fragen: Hast du was von Sonja oder Sabina gehört. Ich würde sie so gerne mal in den Arm nehmen. Das ist echt das Traurigste an der ganzen Sache.

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